Etwa 70 Personen versammelten sich im Kronenhof zu einem Diskussionsanlass zum Thema Inklusion. Das Fazit: Es gibt noch viel zu tun in Schaffhausen.

von Elena Stojkova

Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Unterschiedlichkeit um? Sind wir es uns gewohnt, Probleme zu sehen, wenn wir an Inklusion denken? Diese und andere Fragen stellte Jürg Sauter, Präsident der Schaffhauser Sonderschulen, am Donnerstagabend im Saal des Restaurants Kronenhof in die Runde. Etwa 70 Personen waren gekommen, um dem Anlass zum Thema Inklusion beizuwohnen, der von den Schaffhauser Sonderschulen, Insieme Schaffhausen und Pro Infirmis Thurgau-Schaffhausen organisiert wurde.

«Inklusion funktioniert an manchen ­Orten bereits bestens», sagte Sauter. «Aber es gibt auch Hindernisse verschiedenster Art – oft auch in den Köpfen.» Inklusion sei eine Frage der Haltung, an der man jeden Tag arbeiten müsse, fügte Erziehungs­direktor Christian Amsler hinzu. Nur ein Prozent der Hotels, zwei Prozent der Toiletten in Arztpraxen, vier Prozent der Zahnarztstühle und die Hälfte der Bahnsteige seien barrierefrei zugänglich. Und nur 25 Prozent der Hauseingänge hätten keine Stufen. «Wir haben noch einen langen Weg vor uns.» Landauf, landab werde diskutiert, ob in den Schulen Separation oder Integration sinnvoll sei, und mancherorts gebe es gar eine Tendenz zu Rückschritten – Richtung Separation. «Ob das der richtige Weg ist, wage ich zu bezweifeln», so Amsler.

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Am Tisch (von links): ­Nationalrat Christian Lohr, Patrick Stump, Claudine-­Sachi Münger, Moderator Peter Hartmeier, Patty ­Shores, Stadtrat Raphaël Rohner, Thomas Bräm, Jürg Sauter (stehend). Bild: Eric Bührer


«Er kann nicht ohne mich»

Unter den Gästen waren Lehrpersonen, Heilpädagogen, Eltern von Sonderschülerinnen und -schülern, beruflich und privat Betroffene und andere Interessierte. Bevor sie sich gruppierten, um verschiedene Themen der Inklusion zu diskutieren, lenkte der Thurgauer Nationalrat Christian Lohr seinen Rollstuhl nach vorn und fuhr den Sitz hoch. «Alle Menschen sind gleichwertig», sagte er. Dies sei die Grundhaltung, die man leben müsse. Und es gehe nicht nur um Menschen mit Beeinträchtigungen. «Es wird immer Menschen mit be­sonderen Bedürfnissen geben», sagte Lohr. «Wir wollen keine Gleichmacherei – wir wollen, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit angenommen wird.» Jeder verdiene die gleiche Chance. Zustimmend wurde im Publikum genickt.

Nach Lohrs Referat verteilten sich die Anwesenden um verschiedene Plakate ­herum, die im Saal aufgestellt waren. Verantwortliche verschiedener Inklusionsprojekte hatten sie gestaltet, um zu zeigen, was sie machen. Mit dabei waren zum Beispiel die Weinstube Tanne, in der Menschen mit Handicap arbeiten, oder «Mitschaffe.ch», eine Personalfirma für Menschen mit Handicap. Beim Plakat «Teilhabe für alle» – ein Projekt, das die Möglichkeiten von Kindern mit Beeinträchtigung in ihrer Freizeit erweitern möchte – diskutierten einige Mütter darüber, wo denn die Unterschiede zwischen Eltern beeinträchtigter und Eltern nicht beeinträchtigter Kinder lägen. «Alle von uns bringen ihre Kinder doch zum Schwimmen oder zum Fussball.» Wenn sie älter werden, werde es schwieriger: «Mein Sohn will nicht mit mir in die Disco – aber er kann nicht ohne mich», meinte eine Mutter.

Den Schluss des Anlasses bildete ein ­einstündiges Podiumsgespräch mit sechs Rednerinnen und Rednern, das Publizist Peter Hartmeier moderierte. «Wir diskutieren über Menschen mit Handicap, aber wie können wir ihre Bedürfnisse erkennen?», fragte er Patty Shores, Professorin an der Zürcher Hochschule für Heilpädagogik. «Man muss diesen Menschen zuhören – und zwar mit dem Herzen», übersetzte ihre Dolmetscherin aus der Gebärdensprache. Man müsse Menschen mit Beeinträchtigung befähigen, selbstbestimmt am Alltag teilhaben zu können, fügte Lohr hinzu. Wichtig seien dafür unter anderem Arbeitsplätze. «Viele Arbeitgeber sind gluschtig geworden, Menschen mit Beeinträchtigungen einzustellen», sagte Thomas Bräm von «Mitschaffe.ch». «Aber es gibt auch viele, die sich noch verwehren.» Man verpasse ­etwas – einen wichtigen Teil der Gesellschaft – wenn man sie nicht einstellt. Pächterin Claudine-Sachi Münger hat einige Menschen mit Handicap in der «Tanne» eingestellt. «Wenn man an die Menschen glaubt – egal, ob mit oder ohne Handicap – entfalten sie ihr Potenzial», sagte sie. Wertgeschätzt werden wolle schliesslich jedes Mitglied der Gesellschaft.


«Ich wehre mich gegen Separatives»

Zu reden gab auch die Integration in der Schule. Inklusion müsse zur Selbstverständlichkeit werden, sagte Patrick Stump, Präsident des Schaffhauser Lehrervereins. Er merkte aber auch an, dass er Separation nicht nur schlecht finde – dass Kinder mit Autismus zum Beispiel sich im Regelunterricht weniger wohlfühlen würden. Es gelte eine Balance zwischen Integration und ­Separation zu finden, meinte Stadtrat ­Raphaël Rohner dazu. Begegnen sich Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen bereits im Kindesalter, werde es etwas Natürliches, sagte er. «Dann braucht es nicht so viel Theorie, die einem sagt, wie man mit Unterschiedlichkeit umgehen soll.» Und Lohr meinte: «Ich wehre mich gegen Separatives.» Menschen mit Beeinträchtigungen gehören in die Gesellschaft, nicht auf eine Insel ausserhalb, sagte er.