Für den Stadtschulrat und Schulleitungen wurden zwei Vorstösse überwiesen. Für den städtischen Bildungsreferenten ist klar, in welche Richtung die Veränderungen gehen müssen.

von Dario Muffler

sn 20190406

Wie soll es weitergehen mit den Führungsstrukturen an Schaffhauser Schulen? Mit dieser Frage befassen sich derzeit der Stadtschulrat und das Bildungsreferat. Der ­zuständige Stadtrat Raphaël Rohner (FDP) skizziert, was jetzt getan werden muss, nachdem im Grossen Stadtrat zwei Postulate überwiesen wurden. Einerseits wird die Überarbeitung der Zuständigkeiten der Schulbehörde, des Stadtschulrats, andererseits die Einführung geleiteter Schulen ­gefordert.

 

Die Stadt Schaffhausen hat sich in den letzten Jahren schon mehrmals ablehnend gegenüber geleiteten Schulen ausgesprochen. Was hat sich seither verändert?

Raphaël Rohner: Der administrative Aufwand ist für alle deutlich grösser geworden. Wir haben zudem sehr heterogene Klassen und oft Kinder aus bildungsfernen Familien in den verschiedenen Schulhäusern: Zum Teil sprechen die Schülerinnen und Schüler nur schlecht Deutsch beim Schuleintritt. Lehrpersonen werden regelmässig mit Erziehungsaufgaben belastet. Weiter gibt es zum Teil Parallelstrukturen zwischen Schulamt, Stadtschulrat und Schulhausvorstehern. Wir müssen deshalb klären, wofür ein Schulrat zuständig ist und was in die operative Ebene gehört.

Sie haben an der Sitzung des Grossen Stadtrats aber betont, dass die Situation an den Schulen gut sei.

Ich lege die Hand ins Feuer: Wir ­haben zu annähernd 100 Prozent sehr ­engagierte Lehrpersonen, die ihren Unterricht in einem deutlich schwieriger gewordenen Umfeld sehr gut gestalten. Das ist ein Einsatz, den viele Leute unterschätzen. Auch die Vorsteher machen ihre Aufgaben mit viel Herzblut.

Und dennoch braucht es eine Anpassung?

Es geht darum, dass wir zwischen der Schulbehörde, die eigentlich nicht für das Operative zuständig ist, und den Lehrpersonen eine Führungsperson haben. Diese muss angemessen mit Kompetenzen ausgestattet sein, sodass sie die Lehrpersonen unterstützen und entlasten kann. Ein künftiger Vorsteher – ich nenne ihn weiterhin so – hat primär die Aufgabe, Anlaufstelle von aussen zu sein, bei schwierigen Fällen als Mediator zwischen Eltern und Lehrpersonen zu wirken, dem Schulamt die notwendigen Angaben zu Budget und Rechnung zu liefern und den Überblick über die Infrastruktur zu behalten. Selbstverständlich gehören Schulentwicklung und das Personalwesen zu den Kompetenzen. Die Lehrfreiheit bleibt natürlich erhalten.

«Der administrative Aufwand ist für alle deutlich grösser geworden.»

Vorsteher haben bereits im heutigen ­Modell «Vorsteher»-Kompetenzen. Was ­ermöglichen Ihnen diese?

Sie sind primär für administrative Aufgaben zuständig. Im eigentlichen Sinn haben sie aber keine Kompetenzen und Verantwortlichkeiten. Sie sind «primi inter ­pares». Die einen beklagen das nicht, aber andere hätten gerne mehr Kompetenzen. Insgesamt, so denke ich mir, sind die Lehrpersonen zufrieden mit ihren Vorstehern. Es geht aber um eine Entwirrung und Stärkung des Systems. Zum Teil gibt es Doppelspurigkeiten, die energieraubend und nicht Ziel führend sind: Aus kleinen Fällen entstehen riesige Probleme. Mit sauberen Strukturen kann man das von Beginn an in die richtigen Bahnen lenken. Führen heisst nicht, sich überall einzumischen. Führen heisst primär zu stützen, zu helfen. Lehrpersonen sind alle sehr gut ausgebildet. ­Ihnen ist auf Augenhöhe zu begegnen.

Diese Aufgaben könnten also die heutigen Vorsteher erfüllen?

Das wäre möglich. Die Vorsteher sind sehr engagiert. Die Bezeichnung ist unwesentlich. Mir ist wichtig, dass jemand mit Unterrichtserfahrung die Schule leitet. Partizipativer Führungsstil ist gefragt.

Sorgen Schulleiter nicht nur für eine ­zusätzliche Belastung von Lehrpersonen?

Nein, im Gegenteil: Es kann nicht sein, dass Schulleiter Lehrpersonen ­beüben. Sie sollen sich vermehrt dem Unterricht ­widmen können. Wenn sinnlos Papiertiger geschaffen werden, muss man eingreifen.

Wer definiert, welche Kompetenzen Schulleitung künftig haben sollen?

Was genau dazugehören soll, muss der Schulrat ausarbeiten. Hierbei lege ich Wert darauf, dass man nicht irgendein ­Modell nimmt, sondern bezogen auf die ­effektiven Erfahrungen und Bedürfnisse eine für die Schaffhauser Schulen geeignete Form findet.

Wo hapert es beim Stadtschulrat?

Wir haben in unserer Stadt nahezu 500 Lehrpersonen. Diese hätten alle den Anspruch, dass sie einmal alle vier Jahre qualifiziert werden. Und zwar nicht basierend auf nur einer Stunde Besuch. ­Anschliessend gäbe es eine Beurteilung, die besprochen würde. Dies wird aber bei Weitem nicht eingehalten. Und zwar nicht, weil der Stadtschulrat das nicht will, sondern weil er keine Zeit hat dafür. Er muss zu viele Probleme vor Ort lösen.

Es gibt aber Stadtschulräte, die sagen, dass es keine Probleme gebe; Sie seien gerne vor Ort und würden Probleme lösen.

Das werden sie auch künftig können. Die Aufsicht soll ja erhalten bleiben. Ich war selber auch Stadtschulrat und war regelmässig in den Schulhäusern. Ich bin auch heute noch in den Schulhäusern und Kindergärten zu Besuch. Das Tagesgeschäft aber kann nicht die Aufgabe eines Stadtschulrates sein. Damit fallen beim Schulrat Ressourcen für die strategischen Entscheidungen weg.

Es gibt Befürchtungen, der Stadtschulrat werde in seiner Kompetenz beschnitten.

Das ist unbegründet. Er soll aber wieder seinen eigentlichen Kompetenzen und Verantwortlichkeiten, so wie es das kantonale Schulrecht vorsieht, nachkommen können.

«Mir ist es auf alle Fälle wichtig, dass jemand mit Unterrichtserfahrung die Schule leitet.»

Die Angst vor der Professionalisierung und der Entfernung der Schule von der ­Basis ist also unbegründet?

Die Nähe zur Basis ist mir sehr wichtig. Ich war im Kantonsrat einer der ­dezidierten Gegner einer Kantonalisierung der Volksschule. Für die Volksschule müssen die Gemeinden mitverantwortlich bleiben. Dazu braucht es eine Behörde, die über die notwendigen zeitlichen Ressourcen verfügt. Da es eine Milizbehörde ist, kann man im Übrigen nicht von ihr erwarten, dass sie pädagogische Fragestellungen detailliert aufarbeiten kann.

Wenn es mehr Ressourcen braucht und die Ansprüche gestiegen sind: Braucht es eine Pensenaufstockung beim Stadtschulrat?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich meine aber nein, da Schulleitungen auch ihn entlasten.

Was sind die nächsten Schritte?

Jetzt ist primär der Stadtschulrat gefordert, eine Analyse vorzunehmen. Das Ganze steht unter der Leitung der Schulpräsidentin Katrin Huber. Der Bereichsleiter Bildung und ich werden ebenfalls dabei sein, weil – wie schon gesagt – neben Stadtschulrat und Schulen auch die Verwaltung angeschaut werden muss.

In der Sitzung des Grossen Stadtrats wurde Neuhausen als positives Beispiel ­genannt. Versucht man nun, das Neuhauser Modell zu adaptieren?

Mein Anspruch ist es, dass wir nicht von der Theorie ausgehen, sondern aus der Praxis schöpfen. Ich glaube, Neuhausen ist ein gelungenes Schulführungsmodell. Unser Modell soll aber auf die ­Bedürfnisse unserer Schulen und Lehr­personen ausgerichtet sein.

Es gibt auch weniger positive Beispiele. So machte die Schule Hallau vor einigen Jahren Schlagzeilen, weil die Fluktuation aufgrund der Schulleiterin enorm war. Wie verhindert man diese Situation?

Zuerst einmal müssen Eignungskriterien erfüllt sein. Aber Hand aufs Herz: In jedem Betrieb gibt es Mitarbeitende, die ihre Anforderungen nicht erfüllen. Dann muss man sofort eingreifen.

Wie wollen Sie die Lehrpersonen in der Entwicklung miteinbeziehen?

Wie genau das passieren wird, müssen wir noch definieren. Ich verweise aber gerne auf meinen partizipativen Prozess in der Entwicklung der Kulturstrategie. Die Idee ist: Wenn die Lehrerschaft und der Schulrat dahinterstehen können, entwirft das Bildungsreferat eine Vorlage. Erst dann geht sie in den Stadtrat und anschliessend ins Parlament.

Wann dürfte es zu einer Volksabstimmung kommen?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich will auch ­keinen Zeitdruck aufsetzen. Wo es zuerst eine Lösung geben wird, ist auf dem Schulamt. Der Rest aber ist sehr filigran. Deshalb will ich, dass an den Schulen primär in Ruhe gearbeitet werden kann. Die Lehrpersonen sollen die Gewissheit haben, dass wir etwas in ihrem Interesse entwickeln. Ich gehe erst in eine Volksabstimmung, wenn ich mir ­sicher bin, dass es ein Modell ist, das von ­allen Beteiligten getragen wird. Zudem darf es den finanziellen Rahmen nicht sprengen. Ich lege Wert auf folgende Feststellung: Es geht um eine gut aufgestellte Schule mit leistungsfähigen Strukturen und Ressourcen sowie um motivierte Lehrpersonen, die sich auf den Unterricht konzentrieren können, im Interesse einer möglichst ­guten Volksschulbildung!