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Die «Erzählzeit» ist eröffnet. Zum zehnten Mal steht die Region über die realen Grenzen hinweg im Zeichen der Literatur. Die Eröffnung im Schaffhauser Stadttheater lässt viel erwarten.

von Jörg Riser 

Literatur, die ernsthafte, ist eine gesellschaftliche Marginalie, da darf man sich nichts vormachen. Die Bühnen der grossen wie der provinziellen Welt beherbergen öfter (und erfolgreicher) das Land des Lächelns als jenes des Erzählens, der öffentliche weitflächige Applaus intensiviert sich in der Regel bei Annäherungen an anspruchslose Seichtigkeit und nicht mit der Intimität des Denkens und der Fantasie, wie sie die «Erzählung» verlangt. Und dann das: Hunderte von Besucherinnen und Besucher bei der Eröffnung der nunmehr zehnten «Erzählzeit ohne Grenzen» am Samstag im Schaffhauser Stadttheater, ein mächtiger Applaus wie am Weltwirtschaftsgipfel, ein imposanter Aufmarsch von Honorationen, die Zelebration eines echten Ereignisses: Dieses Literaturfestival hat sich tatsächlich zu einem Sog von gesellschaftlicher Relevanz entwickelt und dies beileibe nicht nur in der samtigen Atmosphäre der Eröffnungszelebrationen. Auch ausserhalb, an den Leseorten, hat sich die Erzählzeit als Ereignis etabliert. Das ist das erstaunlichste Phänomen; sie wird mit echter Begeisterung empfangen und erlebt.

«Es lebt sich normal als Ikone. Ich bin auch nur ein Mensch mit einem gesunden Menschenverstand.»

Federica de Cesco, Schriftstellerin

Nach der Eröffnung lässt sich behaupten: Auch die neuste Ausgabe wird diese sowohl imposante wie erfreuliche Resonanz finden. Wobei natürlich die Hauptexponenten des Eröffnungsanlasses nicht gerade aus den abgelegensten Nischen der Wortmacher und Wortmächtigen gezerrt worden sind, sondern eine Trinität der Popularität repräsentierten. Als Moderatorin führte die fernseherprobte Eva Wannenmacher durch den Abend, als musikalische Begleitung setzte Frölein Da Capo Akzente und als Stargast war da Federico de Cesco, eine Ikone der Jugendliteratur (und mehr), auch im höheren Alter sprudelnd-lebendig und rebellisch wie eh und je.


Ikone der Jugendliteratur

Das war eine gute Mischung, weil sie jegliche allfällige Erinnerung an verschnarchte Lesungen von ehedem radikal vertrieb. Das Frölein alias Pia Brügger war natürlich weit mehr als «Begleitung», sie nutzte die grosse Bühne als Plattform eigenständiger beeindruckender humoristisch-melodiöser Kleinkunst und war nicht zuletzt deshalb sehr passend, weil die Künstlerin auch als Kolumnistin und ohnehin als Meisterin von Wortspielereien aktiv und übrigens bis Ende Jahr ausgebucht ist. De Cesco wiederum wehrte sich ein wenig dagegen, eine «Ikone» zu sein. Vielmehr sei sie ein Mensch mit gesundem Menschenverstand und wenn schon Ikone, so dann eine, die ganz normal lebe. 60 Jahre schriftstellerischer Tätigkeit, schier unzählige Bücher und eine ebenfalls Grenzen sprengende Bekanntheit allerdings lassen den Nimbus einer legendären Existenz nicht verschwinden. Wie auch das Legendenhafte ihres schriftstellerischen Beginns nicht. Auf dem (langen) Schulweg soll sich die damals Fünfzehnjährige Geschichten ausgedacht haben, die dann als «Der rote Seidenschal» das Licht der Bücherwelt erblickten und den Grundstein für ein unglaubliches Schaffen bildeten. Nun wissen wir: Die Legende stimmt.

Seit 25 Jahren verfasst Federica de Cesco auch Erwachsenenliteratur. Das neuste Werk, «Der englische Liebhaber», gehört dazu und enthüllt, nur leicht verfremdet, eine Familientragödie aus dem Umfeld der Autorin. Konkreter: Eine Liebschaft ihrer Tante im deutschen Münster im November 1945 mit einem englischen Offizier, der dann allerdings plötzlich versetzt wird. Die Tante bleibt mit einem Kind zurück und hört erst 25 Jahre später wieder von ihrem einstigen Geliebten. Diese Geschichte belegt übrigens, dass de Cesco nicht einfach fantasieren, sondern ebenso akribisch recherchieren kann. Alles ist mit historisch einwandfreien Tatsachen unterfüttert, Kommentar der Autorin: «Die Welt der Indianer war mir vertrauter als die Welt der Münsteraner.» Geblieben ist de Cescos Vorliebe für starke Mädchen- und Frauenfiguren (stets verbunden mit einem starken männlichen Pendant, wie sie betonte), und deren Hang zur Rebellion. Der Aufstand gegen unterdrückende Rollen, Verhältnisse und Konventionen gehört zu einem Kernpunkt im Werk der Autorin, die doch auf den ersten Blick so harmlos in Erscheinung zu treten weiss. An ihr lässt sich deshalb beispielhaft das Subversive von Literatur erkunden und das entspricht ja auch ausserhalb abenteuerlicher Rahmengeschichten noch immer einem Abenteuer.


Literatur kennt keine Grenzen

Die Erzählzeit, dieser partielle Einbruch der von den Worten geschaffenen Magie, repräsentiert den grenzenlosen Raum und ein supranationales Verständnis darin, worauf bei der Eröffnung auch der Schaffhauser Bildungs- und Kulturreferent Raphaël Rohner hinwies. Kultur, meinte er, kenne keine Grenzen, sondern schlage vielmehr Brücken. Es ist ein Gespräch, wenn das Wort überspringt, und erst recht dann, wenn Autor und Leser, beziehungsweise Autorin und Leserin miteinander diskutieren. Für Rohner bietet die Erzählzeit überdies ein Programm, «das seinesgleichen sucht» und «den Bogen über das aktuelle deutschsprachige Literaturschaffen spannt». Was zu den grossen Vorzügen dieses grenzenlosen Anlasses gehört. Die schon fast unheimliche Attraktivität erklärt sich auch durch die Vielfalt, nicht durch den roten Teppich einer Starparade. Bekannte bekommen ihren Auftritt ebenso wie wenig Bekannte; die Überraschung gehört zum programmatischen Konzept.


Nicht nur für Mädchen

Dass die wunderbare Erzählzeit auch durch den Verein Agglomeration Schaffhausen (VAS) am Leben erhalten wird, machte Christian Amsler, Regierungsrat und Präsident des VAS, deutlich. Er hat übrigens als Jugendlicher «Der rote Seidenschal» auch gelesen und damit das Vorurteil widerlegt, Federica de Cesco schreibe nur für Mädchen. Erzählen, stellte Amsler fest, sei von enormer Bedeutung für Kinder. Für Erwachsene natürlich auch.