In der Kirche St. Johann, dem grossen Konzertsaal der Munotstadt, steht ein neuer Konzertflügel. Pianist Werner Bärtschi durfte ihn ein erstes Mal testen.

von Martin Edlin

Allein schon optisch stand er im Mittelpunkt auf der hell erleuchteten Konzertbühne: der Flügel, auf dem künftig Pianisten aus aller Welt bei ihren Auftritten im St. Johann in Schaffhausen ihr Bestes geben werden. Mächtig und doch elegant, in spiegelndem Schwarz, auf dem der Schriftzug der Erbauer, Steinway & Sons, und das Emblem der berühmten Klaviermanufaktur, die Harfe, golden leuchten. Nicht nur farblich schien der renommierte Schaffhauser Pianist Werner Bärtschi – er hatte das Instrument im Auftrag der Stadt ausgesucht – in seiner von Kopf bis Fuss schwarzen Kleidung mit goldenem Besatz auf der Brust (selbst Rauschebart und Tasten wiesen das fast gleiche Weiss auf) mit dem Steinway zu verschmelzen, sondern ebenso musikalisch: Er hatte für sein Solokonzert am Samstagabend zur Einweihung des Konzertflügels vier Werke gewählt, die das Potenzial dieses 1994 in Hamburg ­gebauten, 2014 vom Musikhaus Hug totalrevidierten und nun für 85 000 Franken von der Stadt Schaffhausen erworbenen Flügels hörbar machten.


Ein «Alleskönner»

«Der Flügel ist ein sehr schöner Allrounder mit offenem Klang und kerngesund», sagte uns Werner Bärtschi auf die Frage, wie er den Charakter dieses Instruments umschreiben würde. Diese Eigenschaft hatte denn auch den Ausschlag gegeben: Als «Saalflügel» muss er den Raum mit ­seiner besonderen Akustik füllen und sehr unterschiedlichen Anforderungen von Spielern und Werken aller Stile und Epochen genügen. Tatsächlich erwies sich der «Alleskönner» bei Bärtschis Einweihungsrezital als sehr anpassungsfähig: Die verträumten Tönen und die in der Gegen­sätzlichkeit dazu mit hartem Anschlag ­gehämmerten Forti (bei Ludwig van Beethovens Sonate «quasi una fantasia») profitierten ebenso von der weich-klanglichen Transparenz dieses Flügels wie die virtuose Klangwelt von Frédéric Chopins g-Moll-Ballade.

Bei Werner Bärtschis Eigenkomposition «Frühmorgens am Daubensee» ­erlebte man das wellenartige Weiter-, Aus- und Ineinanderklingen der Töne, und bei der g-Moll-Sonate von Carl Philipp Emanuel Bach, wie ein modernes Instrument den Charakter einer Komposition wiedergeben kann, die am Übergang vom Cembalo zum damaligen Hammerklavier steht.

Die Frage, ob das alles eine Demonstration des neuen Flügels war oder eine Demonstration des bravourösen Klavierspiels von Werner Bärtschi auf dem neuen Instrument, ist leicht zu beantworten: beides. Dazu trugen die Gespräche bei, die der städtische Kulturbeauftragte Jens Lampater zwischen den Stücken mit dem Pianisten führte: Werkerläuterungen und Flü­gelkunde zugleich. Und welch eindrück­liches Schlussbild, als Werner Bärtschi den anhaltenden Applaus der stattlichen Zuhörerschaft entgegennahm und seinerseits dem Steinway an seiner Seite applaudierte.


Eine Dimension mehr

Die Behauptung, der neue Flügel im St. Johann (der bisherige wird das untauglich gewordene Instrument in der Rathauslaube ersetzen) werde dem Schaffhauser Konzertleben Flügel verleihen, mag etwas übertrieben sein. Aber der prächtige Steinway unterstreicht das Bemühen, der Pflege konzertanter Musik in unserer Stadt ein attraktives Instrument zur Verfügung zu stellen, das viele und hohe pianistische ­Anforderungen erfüllt. Stadtrat und Kulturreferent Raphaël Rohner hatte in seiner ­Begrüssung zum Einweihungskonzert Hermann Hesse zitiert: «Wer Musik liebt und innig versteht, für den hat die Welt eine ­Dimension mehr.» Der neue Flügel ist – so durfte man an diesem Abend erfahren – ein Bestandteil dieser Dimension.