Gestern Montag hat der Schaffhauser Stadtrat seine neue Kulturstrategie vorgestellt, die in Zusammenarbeit mit Kulturschaffenden entstanden ist.

Das kulturelle Leben einer Stadt trägt wesentlich zu ihrer Qualität als Wohnort bei. Kultur ist zudem ein wichtiger Standortfaktor – das hat inzwischen nicht nur die Politik anerkannt, sondern auch die Wirtschaft. Dem möchte Schaffhausen Rechnung tragen, weshalb der Stadtrat nun eines seiner Legislaturziele erfüllt: die Ausarbeitung einer neuen Kulturstrategie. Gestern Montag stellten der Kulturreferent Raphaël Rohner und der Kulturbeauftragte Jens Lampater die Strategie vor.


Veränderungen im Kulturraum

Das alte Kulturkonzept stammt aus dem Jahr 2001 und legte den Schwerpunkt auf Räume, in denen Kultur stattfindet. Auch wenn diese nach wie vor Thema sind, so haben doch andere entscheidende Faktoren wie die demografische Entwicklung, abnehmende Bereitschaft zum freiwilligen Engagement oder die Digitalisierung Einzug gehalten. «Ein Kulturraum muss immer wieder überdacht und weiterentwickelt werden. Dabei muss aber Kulturschaffenden sowie -konsumierenden bewusst sein, dass es nicht um eine Sparte geht, sondern um die Vielfalt», erklärt Raphaël Rohner.

Das Konzept konzentrierte sich auf die Etablierung von Förderstrukturen und weniger auf die Kultur als solche. Dennoch wollte der Stadtrat in Sachen Kultur nicht Tabula rasa machen, sondern auf Bewährtem aufbauen. «Die Förderinstrumente bleiben unangetastet. In der neuen Strategie steht aber die Weiterentwicklung der Vielfalt und der gegenseitigen Sensibilität für andere Sparten im Vordergrund», so Jens Lampater.

Bereits vor einigen Jahren kamen die ersten Entwicklungen in diese Richtung ins Rollen. Als dann vor knapp drei Jahren auf privater Basis das Kulturbündnis entstand, bekamen die Kulturschaffenden und -interessierten ihr eigenes, professionell aufgestelltes Sprachrohr. Zusammen mit weiteren Vereinen und Personen kam dem Bündnis eine wichtige Rolle zu, als die Stadt für die Arbeit an der neuen Kulturstrategie einen Mitwirkungsprozess ins Leben rief. An zwei Veranstaltungen konnten Kulturschaffende und -interessierte ihre Ideen einbringen, Ziele definieren und Massnahmen entwickeln. «Die Zusammenarbeit war sehr konstruktiv und zielführend. Wir haben das sehr geschätzt», so Raphaël Rohner.


Kultur den Generationen vermitteln

Die neue Kulturstrategie ist reichhaltig und kein schön ausformuliertes Luftschloss. So erkennt sie als Handlungsfeld zum Beispiel an, dass Kulturvermittlung verstärkt werden muss. «Die Selbstverständlichkeit für ein kulturelles Angebot muss man relativ früh implantieren, damit es selbstverständlich bleibt», so Jens Lampater. Die Schulen leisten dabei einen Teil, vermehrt sollen aber auch Kulturanbieter interaktive Angebote für Kinder und Jugendliche schaffen, wie dies Kammgarn, Museum oder Stadttheater bereits tun. Doch bestehe auch bei der Generation 35 bis 50 gemäss Jens Lampater ein Vermittlungsbedarf, da momentan viele Angebote überwiegend von Babyboomern genutzt würden und bei der darauffolgenden Generation die angesprochene Selbstverständlichkeit teilweise fehle. Abhilfe schaffen soll unter anderem eine neu geschaffene Koordinationsstelle, welche die verschiedenen Vermittlungsangebote bündelt und in ihrer Vielfalt präsentiert.

Weitere konkrete Umsetzungsziele sind der geplante Umzug der stark sanierungsbedürftigen Bibliothek Agnesenschütte in den Flügel West der Kammgarn oder die Schaffung einer mittelgrossen Bühne für freie Theater- und Tanzproduktionen. Die angesteuerten Massnahmen sind somit für eine Strategie vergleichsweise konkret.


Rückmeldungen sind eingeflossen

Nachdem die Kulturkommission, die derzeit aus acht vom Stadtrat gewählten Mitgliedern aus allen Kultursparten besteht, die neue Strategie in einem ersten Entwurf ausgearbeitet hatte, kam es zur öffentlichen Vernehmlassung. Dabei sind über 30 Rückmeldungen eingegangen, vornehmlich von den Mitwirkenden und von politischer Seite. «Wir haben daraufhin noch einige, teilweise grössere, Anpassungen vorgenommen. Eine der wichtigsten war die Ausformulierung einer Vision, wo Schaffhausen kulturell in zehn Jahren stehen soll», sagt Jens Lampater. Im nationalen Vergleich befindet sich Schaffhausen im Mittelfeld, nicht nur was die Förderung der Kultur, sondern auch was das Angebot anbelangt. Die Entscheidung ist klar: Schaffhausen will keine Schlafstadt werden, sagt Jens Lampater: «Wir wollen der Tatsache Rechnung tragen, dass Schaffhausen im Mittelalter gleich wichtig war wie Zürich. Zudem haben wir historisch gewachsene kulturelle Institutionen und eine funktionierende städtische Zivilgesellschaft. Dazu möchten wir uns bekennen und dazu gehört Kultur als Pfeiler zwingend.»

Dass nicht alle Anliegen aus dem Mitwirkungsprozess in der neuen Strategie abgebildet sein können, ist klar. Schliesslich definiert die Strategie den Rahmen und nicht die Detailausführung. «Natürlich befriedigt das Resultat nicht alle, aber es ist eine Basis, um die nächsten zehn Jahre gut zusammenzuarbeiten», so Raphaël Rohner. Ein positiver Nebeneffekt des Mitwirkungsprozesses war, dass die unterschiedlichen Kultursparten einander nähergekommen sind und gegenseitiges Verständnis entwickelt haben. So sei ausserhalb des eigenen Gartens ein gemeinsamer Nenner entstanden, wo vorher kein offensichtlicher gewesen sei, erzählt Jens Lampater: «Man teilt sich eine Sorge: Was ist mit dem Publikum der Zukunft? Letztlich ist ja Schaffhausen recht klein, also ist die Frage: Wie kann man die kulturinteressierte Basis vergrössern und breiter ausrichten?» Das funktioniere nur, wenn alle den Mikro­kosmos als Chance und nicht als Hindernis sehen.


Vom Papier in die Realität

Nun soll die Kulturstrategie nicht als schönes Papier in den Schubladen der Beteiligten verschwinden, sondern eine rollende Planung vorantreiben. Aus den formulierten Massnahmen entstehen nach und nach in Zusammenarbeit mit der Kulturkommission und den Kulturschaffenden die nächsten Schritte und je nachdem politische Vorlagen. Halbjährlich wird sich die Kulturkommission zusammensetzen und den Stand der Dinge überprüfen. «Das Instrument des Monitorings ist mir sehr wichtig. Unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und Möglichkeiten müssen wir regelmässig über die nächsten Schritte entscheiden und schauen, was korrigiert werden muss», sagt Raphaël Rohner. Da Stadt und Kanton das Kulturbündnis als wichtigen und seriös arbeitenden Partner ansehen, soll es auch in Zukunft einmal pro Jahr beratend hinzugezogen werden.

Vor Ablauf der nächsten zehn Jahre möchte der Stadtrat dann reflektieren, überprüfen, neu priorisieren und angepasste Ziele setzen. «Dieser Zeitrahmen erlaubt es auch, mittel- und langfristig zu denken und nicht nur kleine Massnahmen umzusetzen», so der Kulturreferent.