Aktuell verfügen fast 50 Prozent der Kindergartenkinder nicht über ausreichende Deutschkenntnisse. Ein Programm zur frühen Deutschförderung soll das ändern.

von Julia Heiri

«Für mich ist das eine Herzensangelegenheit, es geht ganz klar um Chancengleichheit», sagt Bildungsreferent Raphaël Rohner (FDP). «Ich will, dass alle Kinder bei Kindergarteneintritt über genügend Deutschkenntnisse verfügen.» Aktuell ist das nicht der Fall. Bei 49 Prozent aller ­Kindergartenkinder wurde laut Bildungsreferat ein Sprachförderbedarf festgestellt. Diese Kinder besuchen im heutigen Modell frühestens ab dem Kindergarten den DaZ-Unterricht (Deutsch als Zweitsprache). Der Erfüllung seines Anliegens ist Stadtrat Rohner dennoch ein Stück näher gerückt. Denn mit dem neuen Jahr hat auch das Pilotprojekt zur frühen Deutschförderung in der Stadt Schaffhausen seinen Anfang genommen. Gestern wurde dieses Projekts konkret präsentiert.


Um 13 Prozent gestiegen

Ein Jahr ist es her, dass der Stadtrat das Programm zur frühen Deutschförderung vorgestellt hat. Damals betrug der Anteil der Kindergartenkinder mit Sprachförderbedarf noch 36 Prozent. «Warum der Anteil seit letztem Januar um ganze 13 Prozent gestiegen ist, wird derzeit analysiert», sagt Kathrin Borer, Projektleiterin des Pilotprojekts. Im vergangenen April hat der Grosse Stadtrat der frühen Deutschförderung schliesslich zugestimmt und 580'000 Franken für die Umsetzung des Pilotprojekts bewilligt.

 

«Ich will, dass alle Kinder bei Kindergarteneintritt über genügend Deutschkenntnisse verfügen»

Raphaël Rohner, Bildungsreferent

 

Die Idee ist nicht neu: Nachdem 2009 der Kanton Basel-Stadt in Sachen frühe Deutschförderung vorausgegangen war, folgten in den letzten Jahren Städte wie Zürich, Luzern und Chur mit entsprechenden Programmen.


Fragebogen an über 300 Familien

Der erste Schritt im Schaffhauser ­Pilotprojekt ist eine Sprachstanderhebung: Die Deutschkenntnisse ­aller zwei- bis dreijährigen Kinder in der Stadt Schaffhausen werden erfasst – also all jener Kinder, die voraussichtlich 2020 in den Kindergarten kommen werden. Hierfür erhalten in ­diesen Tagen alle in der Stadt Schaffhausen wohnenden Familien mit Kindern des entsprechenden Alters einen Fragebogen. Der Fragebogen enthält 18 Fragen zu den Deutschkenntnissen der Kinder und wird von den Eltern ausgefüllt. Er wurde vom Psychologischen Institut der Universität Basel entwickelt und soll eine systematische Einschätzung des kindlichen Sprachstandes ermög­lichen. Die Fragebogen werden in zwölf verschiedenen Sprachen verschickt und richten sich vor allem an Kinder aus fremdsprachigen Familien. Ausfüllen sollen ihn aber auch deutschsprachige ­Eltern. «Die Referenzzahlen aus Chur zeigen eine hohe Bereitschaft der ­Eltern», sagt Projektleiterin Kathrin ­Borer. «Dort betrug der Rücklauf der Fragebogen 96 bis 99 Prozent.» Ähnliche Zahlen erhofft man sich auch für Schaffhausen.

«Bis gestern sind bereits 104 Fragebogen zurückgeschickt worden, das entspricht bereits einem Drittel», sagt Borer erfreut. Wie hoch der Anteil der Förderbedürftigen unter den Zwei- bis Dreijährigen sei, wisse das Bildungsreferat wahrscheinlich vor den Sommerferien, so Borer.Ab April 2019 erhalten in einem zweiten Schritt diejenigen Kinder mit Förderbedarf die Empfehlung, eine Spielgruppe mit Sprachförderung zu besuchen. «Wir planen eine Verdoppelung der Förderplätze bis 2022», sagt die Projektleiterin. 50’000 Franken des Projektbudgets werden in die Weiterbildung des Fachpersonals und in Elternbildung investiert. «Der Besuch eines Förderplatzes ist während der Pilotphase noch freiwillig», sagt Bildungsreferent Rohner. Es sei aber geplant, in den kommenden Jahren die nötigen rechtlichen Grundlagen zu erarbeiten, um den Besuch ­einer Spielgruppe zur Sprachförderung bei Förderbedarf obligatorisch zu machen. «Die Volksschule wird stark entlastet, wenn die Kinder im Kindergarten schon Deutsch sprechen», sagt Rohner.