Zum Start der Konzertsaison von Schaffhausen Klassik spielte das Lettische Nationale Sinfonieorchester ein russisches Programm mit einer lettischen Ouvertüre.

von Mark Liebenberg

Unabhängigkeit! Am 18. November 1918 sagte sich Lettland vom zerfallenden Zarenreich los und erklärte sich zur Republik. Das blieb 22 Jahre so, bevor Stalin sich das kleine baltische Land wieder einverleibte. Es bedurfte wieder eines Zerfalls, nämlich jenes der UdSSR, der den Weg frei machte für die neue, nun seit 1991 andauernde Unabhängigkeit Lettlands.

Das in der lettischen Geschichte demnach oftmals schwierige Verhältnis zum russischen Nachbarvolk hält das Lettische Nationale Sinfonieorchester nun aber keineswegs davon ab, zwei russische Komponisten ins Programm zu nehmen. Der Klangkörper aus Riga tourt derzeit zum hundertsten Nationaljubiläum durch Europa und machte am Freitag auch in Schaffhausen halt, im Rahmen von Schaffhausen Klassik. Zur Saisoneröffnung des hiesigen Konzertveranstalters konnte man sich der reichen musikalischen Tradition der Letten vergewissern: Riga war und ist eine Brutstätte für Klassiktalente. Das kleine baltische Land (heute leben dort 1,9 Mil­lionen Menschen) hat nämlich Komponisten, Instrumentalisten und Sänger sonder Zahl hervorgebracht. Arvo Pärt, ­Gidon Kremer, Elina Garanca, um nur drei Namen zu nennen.

Und so hatten die musikalischen Botschafter aus dem Norden in sinfonischer Vollbesetzung einen guten Ruf zu vertei­digen, als sie am Freitag im St. Johann auftraten.


Persönlichkeit, Raffinesse, Eleganz

In Peteris Vasks’ (*1947) Komposition für Streicher, «Musica appassionata», gelang dies dem Streichermeer mit einem vollen, kernigen und doch samtenen Klang von erlesener Schönheit. Zwar erwies sich das zwanzigminütige Werk als streckenweise langfädig und bisweilen monoton. Alles in einer sehr neuromantischen Tonalität gehalten, kann das in sich in vier Teile oder Episoden gegliederte Stück als typischer Vertreter jener Rückbesinnung auf karge Motivik und flächige Strukturen gelten, wie sie spätestens ab den Neunzigerjahren in Mode kamen – ähnlich wie beim grossen Letten Arvo Pärt, dessen Klangkonstrukte jedoch wohl von zeitloserer Kühnheit sind als die vorliegende Komposition. Im Wechsel zwischen expressiven Figuren und liegenden Mollteppichen wird indes sichtbar, dass diese Musik (und wohl auch die Letten selbst) einer nordischen Melancholie sehr nahe sind.

Mitgebracht hatten die Rigaer für ihre Tournee mit dem früheren Geigen-Mädchen-Wunder Baiba Skridé eine zur eigenständigen Musikerpersönlichkeit herangereifte, erstklassige Visitenkarte. In Prokofjews Violinkonzert Nr. 1 aus dem Jahr 1915 bläst ein ganz anderes Lüftchen, ein idyllisches, ja im Grundton sorgloses, wenn auch ein grellerer Modernismus sich unterschwellig ankündet. Die lettische Geigerin verlieh der feinen Lyrik ebenso wie der technisch vertrackten Verspieltheit Persönlichkeit, Raffinesse und Eleganz, ohne zu überborden. Da war alles am rechten Platz und die verträumten Passagen von grossem Reiz.

Dieses Orchester weiss makellos ausbalancierten bis üppigen ­Vollsound zu ­liefern, der dem Ohr durchaus schmeichelt.


Klangbild mit bleibendem Nachhall

Ungleich schwerer melden sich der ­Weltschmerz und der grosse romantische Gestus nach der Pause mit Tschaikowskys Sechster mit dem Übernahmen «Pathétique» zurück. Das Orchester unter seinem Chefdirigenten Andris Poga liefert auch hier makellos ausbalancierten bis üppi- gen Vollsound, der dem Ohr durchaus schmeichelt.

Wohl nirgends ist der Kontrast zwischen überschäumend-triumphierend und wehmütig-verklärt grösser als im nahtlosen Übergang vom dritten zum letzten Satz dieser Sinfonie, die auch als des Komponisten Schwanengesang beschrieben wird. Gewiss: Man hat die «Pathétique» schon kühner dirigiert gehört als hier, scharfkonturierter, nüchterner, jedoch auch ergreifender. Aber das disziplinierte Klangbild und vor allem die Qualität der Streichersektion erzeugen auch hier einen bleibenden Nachhall.


SH Klassik: Bilanz der ersten ­Konzertsaison unter neuer Leitung

Nach der ersten Konzertsaison des Musik-Collegiums Schaffhausen (MCS) unter neuem Namen (Schaffhausen Klassik) und unter neuer Leitung ziehen die Verantwortlichen eine vorsichtig positive Bilanz. Mit im Schnitt 352 Besuchern pro Konzert sei man nicht tiefer als in den vorangegangenen Jahren gelegen, sagt MCS-Präsident Raphaël Rohner. «Wir sind stabil geblieben, auch finanziell. In der vorangegangenen Saison haben wir sogar einen kleinen Überschuss erwirtschaftet», sagt Rohner. Auf die zehn Saison­konzerte hochgerechnet kommt man auf 3500 Konzertbesucherinnen und -besucher, zuzüglich der sechs Kammerkonzerte in den «Kulturellen Begegnungen» sowie mit zwei neuen Formaten: einem Schul­konzert und einem Familienkonzert. «Das Schulkonzert mit einem Workshop zu Schuberts ‹Winterreise› zum Mitmachen und anschliessendem Konzert wurde von allen Beteiligten und auch von den Lehrkräften als echtes Highlight gelobt», sagt die künstlerische Leiterin von Schaffhausen Klassik, Annedore Neufeld. Kein grosser Publikumserfolg sei das Familien­konzert gewesen, das auf das erste warme Wochenende im vergangenen Frühling gefallen sei. «Das ist Pech», sagt Rohner. Verluste gab es auch bei den Abonnentenzahlen. «Der Trend geht deutlich dahin, dass sich die Konzertbesucher lieber spontan ein Billett kaufen», sagt Neufeld.

Dennoch hält man zumindest programmtechnisch am eingeschlagenen Weg fest. Auch in dieser Saison gibt es vielfältige Konzertabende, die breite Schichten ansprechen sollen, wie etwa einen verjazzten Monteverdi. Auffallend aber ist in der Saison Numero 2 die grosse Zahl von kleineren Forma­tionen. Dabei ist es ein traditionelles Alleinstellungsmerkmal des MCS als regionalem Konzertveranstalter, der auch die grosse Sinfonik erlebbar machen könnte. «Der Vorstand hat sich dar­über beraten und will auf die nächste Spielzeit vermehrt auch einen Fokus darauf legen», verspricht Rohner. (lbb)