Mit Yves Netzhammer stellt ein prestigeträchtiger Künstler im Museum zu Allerheiligen aus. An der gestrigen Vernissage wurden er und das Museum mit dem Bewe-Kunstpreis ausgezeichnet.

von Isabel Heusser

Grossandrang herrschte gestern Abend in der Kammgarn-Aktionshalle, die aufgestellten Stühle waren fast bis auf den letzten Platz besetzt. Das Museum zu Allerheiligen hatte die Vernissage zur Ausstellung «Biografische Versprecher» mit dem Medien- und Installationskünstler Yves Netzhammer hierher verlegt – im Museum wäre für die vielen Besucher kein Platz gewesen. Die Ausstellung, das wurde bereits gestern klar, hat das Potenzial zum Publikumsmagneten, denn Netzhammer beschränkt sich nicht nur auf die Sonderausstellungshalle in der Kammgarn Nord, wo er aktuelle Werke zeigt. Er bespielt das ganze Museum und nimmt so Bezug auf die kunsthistorischen, naturgeschichtlichen und archäologischen Sammlungen des «Allerheiligen» – mit Computeranimationen, Installationen, luftdruckanimierten Skulpturen und Zeichnungen.

Wer durch das Schaffhauser Vierspartenhaus geht, wird es dank Netzhammer mit ­anderen Augen betrachten. Manch ein Be­sucher dürfte Räume im Museum besuchen, ­denen er bis anhin kaum Beachtung schenkte. Und bis zum 14. Oktober ist auf der zweiten Etage der ehemaligen Hallen für Neue Kunst eine temporäre Installation zu sehen, in der Yves Netzhammer drei Tennisball-Wurfmaschinen aufgebaut hat – und zwar genau dort, wo einst Joseph Beuys’ «Kapital» angebracht war.

Kein harmloser Narr

Kulturreferent Raphaël Rohner verzichtete in seiner Ansprache auf eine Retrospektive zu Netzhammers Schaffen und darauf, sein Curriculum vorzulesen: «Er ist Ihnen bekannt.» Die Ausstellung im «Allerheiligen» sei einmalig. Bei Netzhammer handle es sich um eine international anerkannte Persönlichkeit, die in Schaffhausen geboren und aufgewachsen sei. Einmalig sei die Ausstellung aber aufgrund ihrer ­Inhalte, weil sie die Besucher in ein digitales Universum eintauchen liessen. Und schliesslich suche Netzhammer trotz seinem Alter Ego Till Eulenspiegel, einem Narr, die Ernsthaftigkeit: «Damit fordert er von uns insbesondere mit seinen Interventionen, die gezielt Objekte unseres Museums einbeziehen, in hohem Masse Konzentration und Reflexion.» Netzhammers Figuren würden den Besuchern den Weg zum Diskurs mit seinem künstlerischen Schaffen ermöglichen. Dies sei eine anspruchsvolle und faszinierende Herausforderung.

«Netzhammer sucht trotz seines Alter Egos Till Eulenspiegel die Ernst­haftigkeit.»

Raphaёl Rohner, Kulturreferent

Der Narr Eulenspiegel begleitet die Besucher durch die Ausstellung. «Lassen Sie sich nicht von ihm täuschen», sagte Kuratorin Jennifer Burkard und verwies auf eine Videoinstallation gleich beim Aufgang zur Halle. «Da ist der Narr zu sehen, wie er süss und selbstverliebt in ein leeres Bild starrt.» Doch er sei keineswegs harmlos: «Er weiss, wie man mit einer Pistole umgeht.»

Ein Besuch reicht nicht

Netzhammer ist einem breiten Publikum bereits seit 2007 bekannt, als er den Schweizer Pavillon an der Biennale in Venedig gestaltete. Den Museumsverantwortlichen war die Freude über Netzhammers Werk ins Gesicht geschrieben. «Yves, du bist der Hammer», sagte Museumsdirektorin Katharina Epprecht. «Du hast das Museum mal mit Getöse, mal leise in dein feinfühliges Netz eingeflochten.» Durch sein Spiel mit den im «Allerheiligen» verborgenen Schätzen kämen diese erst richtig zur Geltung. «Ich bin dir dankbar, dass du nach langem Bitten und Betteln deinen Kosmos ins Museum gebracht hast.» Die ganze Ausstellung lasse sich kaum in einem Mal erkundigen: «Kommen Sie am besten, wenn es regnet, und nehmen Sie Ihre Kinder mit. Sie werden viel Spass haben.»Der Künstler selbst, ganz in Schwarz gekleidet, verfolgte die Ehrungen still von seinem Platz im Publikum aus und verzichtete darauf, das Wort zu ergreifen. Dann aber musste er die Bühne doch noch betreten: Die Stiftung Bewe zeichnete Netzhammer und das Museum mit ihrem Kunstpreis aus. Der Preis, der auf das Liestaler Sammlerpaar Elisabeth und Bruno Weiss zurückgeht und zeitgenössische Schweizer Kunst prämiert, ist mit 30 000 Franken dotiert und geht je hälftig an die Ausgezeichneten.

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Für seine Auszeichnung musste Yves Netzhammer (2. v. l.) dann doch noch auf die Bühne. Weiter im Bild (v. l.): Paul Nyffeler und Bruno Weiss von der Stiftung Bewe, «Allerheiligen»-Kuratorin Jennifer Burkard, Kulturreferent Raphaёl Rohner sowie Museumsdirektorin Katharina Epprecht. Bild: Eric Bührer