Trotz Gönnermillionen kann sich die Musikschule Schaffhausen den Unterhalt ihrer Liegenschaft in der Schaffhauser Altstadt nicht mehr leisten. Möglicherweise muss jetzt die Stadt einspringen.

von Zeno Geisseler

Was passiert, wenn ein Dach saniert werden muss? Oder die Fenster erneuert werden sollen? Solche Fragen stellt sich jeder Liegenschaftsbesitzer, und solche Fragen treiben derzeit auch die Verantwortlichen der Musikschule Schaffhausen (MKS) um. Denn die Musikschule hat ein Problem: Sie besitzt eine Liegenschaft, die finanziell eigentlich ein paar Schuhnummern zu gross ist. Jetzt sucht die Schule händeringend nach Lösungen – und schielt dabei auf die Stadt Schaffhausen.

Der Anfang der Sorgen liegt im Jahr 2006. Damals findet die Musikschule nach jahrelangen Irrungen und Wirrungen ihre neue Heimat, das ehemalige Jugendheim an der Rosengasse 26 in der Schaffhauser Altstadt. Die Liegenschaft gehört der Stadt Schaffhausen und hat einen Wert von gut einer Million Franken. Die Musikschule bekommt das Haus aber fast gratis. Nur gerade 100'000 Franken bezahlt die Trägerin der Schule, die Imthurn’sche Stiftung, der Stadt Schaffhausen. Möglich wird dieser Sparpreis, weil die Stadt sich 1938 vertraglich verpflichtet hat, der Musikschule Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Verkauf unter Wert, und dazu 60'000 Franken, welche Schaffhausen jährlich für den Hauswartsdienst der Schule bezahlt, sieht sich die Stadt von weiteren Verpflichtungen entledigt.


Millionen von Bank und Gönner

Einfach so als Musikschule nutzen konnte man das Jugendheim nach dem Kauf nicht. 2,7 Millionen Franken steckte die Schule in den Bau, finanziert über Hypotheken. Es entstanden zwei Säle, ein Foyer, 42 Übungszimmer, Räumlichkeiten für die Schulleitung sowie ein Jazzkeller und eine Cafeteria. Genügend Platz, um jährlich 1400 Schülerinnen und Schüler zu unterrichten.

Aus eigener Kraft hätte sich die Schule diesen Umbau niemals leisten können. Doch ein vermögender Schaffhauser war die Rettung: Werner Amsler, Spross einer Schaffhauser Industriellenfamilie und in späteren Jahren begeisterter Cellist, hatte mit mehreren Millionen Franken eine wohltätige Institution gegründet, die Werner-Amsler-Stiftung. Amsler verstarb 2004. Sein Testament besagte, dass seine Stiftung die Musikschule unterstützen solle. Wie die SN 2005 schrieben, verpflichtete sich die Amsler-Stiftung dazu, der Schule 25 Jahre lang jährlich 110'000 Franken zur Verfügung zu stellen, um damit die Hypozinsen und die Amortisierung zu bezahlen. «Üppiger Geldsegen für die Musikschule», titelten die SN dazu.

Ähnliche Worte gebrauchte einige Jahre später auch Heini Stamm. 2014 feierte die Schule ihr 150-Jahr-Jubiläum, und Stamm war damals Präsident der Imthurn’schen Stiftung: «Die Stiftung Werner Amsler ist ein Segen», sagte er in einer Jubiläumsbeilage in den SN.

Doch nach und nach wurde klar, dass dieser Segen einen Pferdefuss hatte. Dies hatte nichts mit den – nach wie vor hochwillkommenen – Beiträgen der Werner-Amsler-Stiftung zu tun, aber viel damit, was die Stiftung mit diesen Mitteln bezahlte und was nicht: Sie kam zwar für die Bankschuld auf, nicht aber für den Unterhalt des Hauses. Und der kann bei einer so grossen und alten Liegenschaft wie dem Jugendheim ins Geld gehen.

Nun ist die Wermer-Amsler-Stiftung nicht die Haupteinnahmequelle der Musikschule. Das sind die Schüler respektive deren Eltern. Eine einzige 40-Minuten-Lektion Instrumental- oder Gesangsunterricht pro Woche kostet 800 Franken pro Semester. Zum Vergleich: Ein Vollzeitstudium an der ETH Zürich kostet pro Semester 580 Franken.

Diese 800 Franken sind allerdings nicht die Vollkosten, sondern ein hoch subven­tionierter Tarif. Per Gesetz übernimmt der Kanton Schaffhausen 27,5 Prozent der anrechenbaren Kosten, die Gemeinden leisten jeweils nochmals mindestens so viel... Allein die Stadt Schaffhausen bezahlte letztes Jahr gut 400 000 Franken an die Musikschule Schaffhausen. Aber: Im Gesetz ist festgehalten, dass mit diesem Staatsbeitrag nur der Unterricht und die Verwaltung finanziert werden dürfen. Explizit ausgeschlossen sind die Gebäudekosten und Investitionen.

«Wir liegen im guten Durchschnitt, sind uns aber bewusst, dass andere Institute günstiger sind.»

Urs Hunziker, MKS-Präsident

Woher könnte dann das Geld für die Liegenschaftssanierung kommen? Von den Eltern jedenfalls nicht. Bereits heute gibt es Tendenzen, dass die Schüler statt der 40-Minuten-Lektion die günstigere 30-Minuten-Lektion wählen, was nur 600 Franken pro Semester kostet. Und dann gibt es auch noch die Konkurrenz: «Wir liegen im guten Durchschnitt, wir sind uns aber bewusst, dass es private Institute gibt, welche die Musikstunden günstiger anbieten», sagt MKS-Präsident Urs Hunziker. Diese anderen Schulen hätten zum Teil auch eine viel tiefere Kostenbasis, weil die Lehrpersonen den Unterricht bei sich privat anböten, sagt Hunziker. Sie haben also im Gegensatz zur Musikschule keine teure Liegenschaft am Bein.

Seit dem grossen Umbau sind mittlerweile zwölf Jahre vergangen. Wie Liegenschaftsbesitzer wissen, haben nach über einem Jahrzehnt gewisse Gebäudeteile das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Die Musikschule, sagt Hunziker, habe immer wieder Mittel in den Unterhalt gesteckt. Doch diese Reserven seien aufgebraucht. Sollte etwas Unerwartetes anfallen, etwa ein grösserer Schaden, hätte die Schule kein Geld, diesen zu beheben.


Schule hofft auf Stadt

Deshalb hofft die Schule nun auf jene Partnerin, der sie das Gebäude zu verdanken hat: die Stadt Schaffhausen. Die Stadt könnte zum Beispiel die Liegenschaft wieder zurückkaufen. Oder sie könnte sich wenigstens dazu verpflichten, den Unterhalt zu übernehmen, während parallel die Amsler-Stiftung weiterhin ihre Beiträge für Hypothek und Amortisation leistet.

Politisch einfach durchzusetzen wäre keine dieser Optionen. Schliesslich hatte die Stadt 2006 die Liegenschaft sehr günstig in die Verantwortung der Musikschule übergeben, und zwar explizit in der Meinung, dass die Schule im Gegenzug künftig selbst für das Haus sorgt. Es ist schwer vorstellbar, dass die Stadt nun ein Haus mit Sanierungsbedarf zurücknimmt, womöglich noch zu einem höheren Preis.

Weit gediehen sind die Verhandlungen so oder so noch nicht. Raphaël Rohner, der für die Bildung zuständige Stadtrat und Vizepräsident der Imthurn’schen Stiftung, sagt dazu nur, «wir sind daran, die Situation sorgfältig zu prüfen, auch die Kosten. Und auch die Frage, ob eine Rücknahme möglich ist.» Mehr kann Rohner derzeit noch nicht sagen. Ausser noch dies: «Die Musikschule liegt der Stadt sehr am Herzen.»Die Imthurn’sche Stiftung wiederum hofft auf einen juristischen Notfallschirm. Sollten alle Stricke reissen, wird sie sich auf den Vertrag mit der Stadt von 1938 berufen: Die Stadt hat sich verpflichtet, der Musikschule Raum zur Verfügung zu stellen. Wenn halt nicht im Jugendheim, dann eben anderswo.