Der Regierungsrat will nicht auf den umstrittenen Entscheid des Erziehungsrats, den Latein- unterricht in der Sekundarschule zu streichen, zurückkommen. Kein Verständnis dafür hat der städtische Bildungsreferent.

von Mark Liebenberg

Im Zusammenhang mit der Einführung des Lehrplans 21 im Kanton Schaffhausen ab dem übernächsten Schuljahr soll das Wahlfach Latein an der Sekundarstufe gestrichen werden. Dies hat die kantonale Exekutive für das Schulwesen, der Schaffhauser Erziehungsrat, im April entschieden. Der Lateinunterricht solle nicht einfach gekürzt werden, hielt Kantonsrat Raphaël Rohner (FDP, Schaffhausen) dagegen. Rohner, der als Schaffhauser Stadtrat für den Bereich Bildung verantwortlich ist, wollte von der Regierung deshalb in einer Kleinen Anfrage im Kantonsparlament wissen, ob sie bereit sei, «auf den Erziehungsrat Einfluss zu nehmen, dass er auf seinen Entscheid zurückkommt» (SN vom 7. Mai).


Latein hat an Bedeutung verloren

Nein, antwortet nun die Kantonsregierung: «Der Regierungsrat nimmt keinen Einfluss und überlässt diesen Entscheid dem dafür zuständigen Gremium.» Die Verantwortung und die Zuständigkeit für Lehrfächer, Lehrpläne, Lehrmittel und Stundentafeln ­lägen nicht bei der Regierung, sondern beim Erziehungsrat. Dieser habe sich nach intensiver Diskussion und in mehreren Sitzungen und Klausuren mit dieser Frage auseinandergesetzt. «Es war ihm bewusst, dass gewisse Entscheide auch Kritik hervorrufen würden», heisst es in dem Schreiben. Im Übrigen verweist der Regierungsrat darauf, dass Latein in den letzten Jahren an Mittel- und Hochschulen an Bedeutung verloren hat, an diversen Universitäten wurde die Lateinpflicht gestrichen. Es sei finanziell aufwendig, das Fach an der Sekundarschule anzubieten, und die Zahl der Sekundarschüler, welche Latein als Gymivorbereitung wählten, sinke stetig, was die Schulen vor schwierige stundenplanerische Herausforderungen stelle. Zwölf von 18 Lehrplan-21-Kantonen bieten kein Latein an der Sek mehr an. Nicht gefährdet sei indes das Lateinprofil an der Kantonsschule. Bis Ende Jahr solle klar sein, wie der Wegfall an der Sek aufgefangen werden könne, auch mit «allfälliger neuer Stundendotation im Fach Latein an der Kantonsschule», heisst es.


«Bildungspolitisch fraglich»

Ein wenig verwundert habe ihn die Antwort, sagt Rohner auf Anfrage. Klar sei der Erziehungsrat zuständig, aber: «Die Regierung hat doch auch ein übergeordnetes Interesse am Bildungsstandort.» Bildungspolitisch fraglich wäre es, wenn man sich auf allen Stufen des Schulwesens immer mehr auf die ausbildungsrelevanten Fächer beschränke. «Dabei weiss man heute, dass eine Stärke von Studienabgängern, aber auch von Berufsleuten die Fähigkeit zu vernetztem Denken sowie ein breites Hintergrundwissen sind.» Im gymnasialen Bereich müsse gelten, bestimmte humanistische Bildungsinhalte bewusst zu pflegen, fordert Rohner. «Latein gehört für jene Schüler, die es wählen, unbedingt dazu. Deshalb ist es falsch, das Fach noch weiter zu schwächen.»

Latein fördere kombiniertes Denken und sei die Grundlage der europäischen Geistesgeschichte. Wenn Schüler erst ab Anfang Kantonsschule beginnen könnten, überhaupt die Sprache zu erlernen, dann bleibe weniger Zeit, jene Inhalte in gebührender Tiefe zu vermitteln, die das Fach ausmachten: «Es ist mehr als das blosse Lernen einer alten Sprache.» Im Übrigen, so der städtische Bildungsreferent, habe die rückläufige Nachfrage nach Latein an der Sek möglicherweise mit der fortlaufenden Schwächung des Faches zu tun – so etwa bei der Verkürzung des Gymnasiums.

«Ich hoffe, dennoch einen Denkanstoss gegeben zu haben und doch noch ein Zurückkommen des Erziehungsrats auf diesen Entscheid zu bewirken», sagt der Bildungspolitiker.

«Es ist falsch, das Fach weiter zu schwächen, denn es geht um mehr als das blosse Erlernen einer alten Sprache.»

Raphaël Rohner Bildungsreferent Stadt Schaffhausen