Die guten Zahlen von Georg ­Fischer machten es der Generalversammlung leicht, sämtlichen Anträgen zu folgen. Einzig beim Vergütungsbericht fiel die ­Zustimmung mager aus.

von Martin Edlin und Jeannette Vogel

Die Farbe Orange sorgt in einem Raum für eine entspannte Atmosphäre und steht in der Farbenlehre für Dynamik und Wärme. Dass gestern zur 122. Generalversammlung (GV) der Georg Fischer (GF) AG die IWC-Arena mit blumigen und papierenen De­korationen ganz in Orange getaucht war, sagte es folglich durch die Farbe, was Verwaltungsratspräsident Andreas ­Koopmann in Worten ausführte: «GF kann auf ein wirklich erfreuliches Geschäftsjahr 2017 zurückblicken», und dies zeige wiederum, «dass wir auf dem richtigen Weg sind». Es herrschte in der mit einer rund tausendköpfigen GV-Teilnehmerschaft besetzten Halle eine entspannte Atmosphäre. Anwesend ­waren Gäste wie die Ständeräte Hannes Germann und Thomas Minder, die Regierungsräte Cornelia Stamm Hurter und Martin Kessler, Kantonsratspräsident Walter Hotz und Stadtrat Raphaël Rohner. Die Dynamik war hingegen eher auf dem Podium bei den Ausführungen des VR-Präsidenten und des Vorsitzenden der Geschäftsleitung, Yves Serra, auszumachen: Sie führten den Weg des Konzerns aus, auf dem 2017 die Wachstumsziele aller drei Unternehmensdivisionen deutlich übertroffen wurden (siehe Kasten). Der Umsatz wurde um elf Prozent auf 4,15 Milliarden Franken gesteigert, das Betriebsergebnis ist mit 352 Millionen Franken um 13 Prozent höher als im Jahr davor, und der Gewinn je Aktie (Ausschüttung 23 Franken pro Namensaktie) kletterte um 17 Prozent.


Die Krux mit dem Vergütungsbericht

Die anwesenden 874 Aktionäre, die zusammen mit dem unabhängigen Stimmrechtsvertreter über 76 Prozent des GF-Aktionariats stellten, blieben, abgesehen vom Drücken der Knöpfe des elektronischen Stimmenzählers, durch die Bank passiv und bis auf die permanenten Wortmeldungen eines Einzelnen stumm. Eine zweite Ausnahme gab es: eine fulminante Rückendeckung für den Verwaltungsrat, der mit Blick auf das Vergütungsmodell «eine mutige und tapfere Haltung» gegenüber angelsächsischen Stimmrechtsberatern an den Tag legen solle. Genau das war denn auch der einzige Punkt, bei dem den Anträgen der Verwaltungsrates nicht mit Zustimmungsraten zwischen 90 und 99 Prozent gefolgt wurde: Der Vergütungsbericht erlangte mit 59,4 Prozent der Stimmen nur ein mageres Ergebnis. Das ist zwar nicht der «Tolggen im Reinheft» wie letztes Jahr, als der Bericht in der Konsultativabstimmung keine Mehrheit fand, aber die Kontroversen unter den Stimmrechtsberatern sind noch nicht vollständig ausgeräumt. Dabei geht es nicht um die effektiven und auch jetzt von der GV bewilligten Bezüge (für den Verwaltungsrat ein maximaler Gesamtbetrag von 3,75 Millionen Franken, für die Konzernleitung rund 10,5 Millionen Franken), sondern um das Vergütungssystem mit seinen Berechnungsgrundlagen. «Es ist nicht das schönste Resultat, das wir heute erhalten haben», gestand denn auch Andreas Koopmann gegenüber den SN. Er sei zwar froh, einen Weg, der okay sei, ­gefunden zu haben, indes: «Trotz aller Bemühung ist es uns nicht gelungen, sämtliche angelsächsischen Stimmrechtsberater von unserem Modell zu überzeugen.» Das erkläre die grosse Anzahl an Nein-Stimmen: Viele institutionelle Anleger, wie etwa Pensionskassen, pflegen den Empfehlungen von Stimmrechtsberatern zu folgen. Für Koopmann ist das Ziel für das nächste Jahr klar: «Ich möchte, dass unsere Aktionäre mit grosser Mehrheit zustimmen.» Der Verwaltungsrat werde weiterhin das direkte Gespräch mit den grössten Aktionären und den Stimmrechtsberatern suchen.


Auf Veränderungen vorbereitet

Das Vertrauen in die Führungsriege des GF-Konzerns spiegelte sich jedenfalls in den Wahlen: Verwaltungsratspräsident Andreas Koopmann sowie die übrigen acht VR-Mitglieder (Hubert Achermann, Roman Boutellier, Vizepräsident Gerold Bührer, Riet Cadonau, ­Roger Michaelis, Eveline Saupper, ­Jasmin Staiblin und Zhiqiang Zhang) wurden praktisch oppositionslos für ein weiteres Jahr gewählt. Und so hielt die «orange Stimmung» an der GV über die Behandlung der statutarischen Geschäfte an.

«Leider ist es uns nicht gelungen, alle angelsächsischen ­ Stimmrechtsberater von unserem Vergütungsmodell zu überzeugen.»

Andreas Koopmann, VR-Präsident Georg Fischer AG

Trotzdem sei es wichtig, sagte uns ein gut gelaunter CEO Yves Serra, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen: «Wir müssen auf Veränderungen vorbereitet sein und dazulernen.» Gesetzt wird denn auch auf intensive Weiterbildung der Mitarbeiter.


20 Millionen für den «Kern»

Der Konzernchef bekennt sich zudem deutlich zum Standort Schaffhausen, dem «Kern unseres Unternehmens». ­Gerade hier müsse man für jüngere und ältere Mitarbeiter ein attraktiver Arbeitgeber sein. Und mit Blick auf die Inneneinrichtung der Gebäude auf dem Schaffhauser Ebnat, die häufig aus den Siebzigerjahren stammt: «Wir investieren bis 2019 rund 20 Millionen Franken in eine moderne Arbeitsumgebung.»


Ein Dankeschön an die anwesenden Aktionäre: Zwei Geschenke aus eigener Hand

Georg Fischer (GF) erhöht die Dividende von 20 auf 23 Franken pro ­Aktie. Bei GF gehört es seit Langem zum guten Ton, den an der Generalversammlung (GV) anwesenden Aktionären auch eine Naturaldividende mitzugeben. Im vergangenen Jahr ­bekamen sie einen «Schafuuser Mumpfel» mit regionalen Produkten wie Nudeln und Bienenhonig. Diese Abgabe von Naturaldividenden ist landesweit verbreitet. Anwesende Aktionäre erhalten Dinge, die man weniger mit dem Begriff Aktienrendite in Verbindung bringt. Das kann ein Koffer voll mit Schokoladespezialitäten oder Freibier sein.

Dieses Jahr hat sich GF aus Anlass von «100 Jahre GF im Klostergut Paradies» und «100 Jahre Berufsbildung bei GF» etwas Besonderes ausgedacht und gibt zwei spezielle Geschenke aus eigener Hand ab: das Fotobuch «Lebendige Industrie» und eine Flasche Wein. «Wir sind stolz auf beide Jubiläen», sagt Roland Gröbli, der Generalsekretär von GF. Er ist verantwortlich für die Gesamtorganisation der GV. «Ich finde, das neue Fotobuch ist ein schönes Geschenk an unsere Aktionäre. Aber Bücher sind nicht jedermanns Sache, darum legen wir noch eine Flasche Rotwein vom Weingut Gonzen bei.» Die 1919 gegründete ­Eisenbergwerk Gonzen AG gehört zu je 49 Prozent den Konzernen GF und Sulzer. Die Förderung von Eisenerz wurde 1966 eingestellt, aber: «Der nahe Weinberg gibt guten Wein.»

Eingepackt wurden die Gaben sowie das Jubiläumsmagazin zu «100 Jahre GF im Klostergut Paradies» von der Schaffhauser Altra. 1300 GF-Taschen wurden in den ­vergangenen Tagen ­gefüllt.


Gutes Essen hat Tradition

Auch ein Essen zählt als Natural­dividende, darum auch der umgangssprachliche Begriff «Fressaktie». Kauft ein Anleger eine einzelne Aktie, nur um sich an der GV verköstigen zu lassen, spricht der Volksmund von Fressaktie. Die Aktionäre von GF werden anschliessend an die Generalversammlung an festlich gedeckten Tischen mit einem feinen Abendessen verwöhnt. «Ein gutes Essen hat bei GF Tradition», sagt Gröbli. Mangels Platz gab es früher Essensgutscheine, die in den Restaurants der Stadt eingelöst werden konnten. Seit vielen Jahren scheut GF jedoch keinen Aufwand, um anschliessend an die GV ein Nachtessen anbieten zu können. Das war so in der ehemaligen Stahlgiesserei (von 1995–2016) und nun in der IWC-Arena, wo seit 2017 die GV stattfindet.

Viele Aktionäre kommen aber nicht wegen des Abendessens, sondern vor allem wegen des jährlichen Wieder­sehens. (jvo)

sn 20180419

An der gestrigen 122. ordentlichen Generalversammlung von GF blickte Konzernchef Yves Serra auf ein erfreuliches Jahr 2017 zurück. Bild: Selwyn Hoffmann