Tim Krohn hat die 9. Erzählzeit in der Stadthalle Singen mit Geschichten aus seinem Schreibprojekt eröffnet.

von Wolfgang Schreiber

In klassischer Wasserglas-Dichterlesung hat der deutsch-schweizerische Autor Tim Krohn, den Erzählzeit-Besuchern kein Unbekannter, am Samstagabend in der Singener Stadthalle das grenzüberschreitende Literaturfestival «Erzählzeit ohne Grenzen» Singen-Schaffhausen eröffnet. Krohn las zwei Geschichten vor, die «menschlichen Regungen» wie Zartheit und Durst gewidmet sind. Die Protagonisten der beiden Geschichten sind Gerda und Erich Wyss, ein älteres Ehepaar, das in einem Zürcher Genossenschaftshaus lebt.

Das Geschehen um das Ehepaar und ihre Gedanken, in mitreissenden Dialogen geschrieben, begeisterte die 500 Leute, die an diesem ersten warmen Frühlingstag in die Stadthalle Singen gekommen waren, vermutlich weil sie Geschehen und Gedanken aus eigenem Erleben wiedererkannten. Unter den Eröffnungsgästen waren auch viele Besucher aus der Region Schaffhausen, darunter Regierungspräsident Christian Amsler, Stadtrat ­Raphaël Rohner und Nationalrätin Martina Munz, die, als sie vom Singener Oberbürgermeister Bernd Häusler begrüsst wurden, Beifall vom Publikum erhielten. Sehr grossen Beifall erhielt die pensionierte Barbara Griesshaber. Sie hat die Erzählzeit in Singen vor 28 Jahren ins Leben gerufen.


Die Chaussee der Literatur

Auf die schnöde «Strasse der Politik» und ans Rednerpult komplimentiert hat Kabarettist und Moderator Uli Boettcher den Singener Oberbürgermeister. Denn die schön ausgebaute «Chaussee der Literatur» hielt der Kabarettist für Autor Tim Krohn frei und für die 33 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in den kommenden neun Tagen bei 59 Veranstaltungen einen weiten Bogen über das aktuelle deutschsprachige Literaturschaffen spannen werden. Für den musikalischen Part des Abends sorgt das Gypsy Jazz Trio Die Drahtzieher mit David Klüttig (Sologitarre), Bobby Guttenberger (Rhythmusgitarre) und Kolja Ledge (Kontrabass). Die drei Vollblutmusiker, wie der Kabarettist aus Weingarten, verschafften durch ihre Darbietungen dem Erzählzeit-Publikum ein musikalisches Erlebnis der Extraklasse. Extraklasse war natürlich auch die Lesung von Tim Krohn. Er hat dazu zwei Geschichten mit Gerda und Erich Wyss in einem Zürcher Genossenschaftshaus ausgewählt.

Man darf erwähnen, Krohns Lesung in der Singener Stadthalle war keine eigentliche Premiere, denn er hat sein auf Crowdfunding basierendes Projekt, eine Enzyklopädie der menschlichen Gefühle und Charakterzüge zu schreiben, letztes Jahr bereits in der Stadtbibliothek Schaffhausen vorgestellt. Es ist damals als monströses Schreibprojekt erkannt worden. Es könnte, wie Krohn in Singen auf der Bühne im Gespräch mit Boettcher sagte, auf 15 Bände anwachsen. Ob das keine beängstigende Vorstellung sei? «Nein», meinte Krohn, «mir geht es immer darum, beim Schreiben den menschlichen Kern zu finden. In jedem Menschen steckt noch eine kindliche, unverdorbene Sehnsucht, und egal was der Mensch einmal wird, dieser Kern ist da.» Wenn man diesen beschreibt, so ist Krohn der Überzeugung, kann man Menschen berühren.


Tipp: «Knochenlieder»

Krohn, der 2010 in Büsingen gelesen hat, gab seinen Erzählzeit-Tipp preis: Martina Clavadetscher, die mit ihrem Roman «Knochenlieder» auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises gekommen ist. Am Apéro war man sich einig: Dank der Beteiligung von 33 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die bis zum 15. April in 40 Gemeinden kommen, können auch in diesem Jahr Literaturinteressierte in den kostenlosen Genuss eines qualitativ hochwertigen Angebots kommen.