Der Grosse Stadtrat hat ein Programm zur Sprachförderung noch vor dem Kindergarten beschlossen. Zu reden gab, ob die Stadt in dieser Frage noch auf den Kanton warten soll.

von Daniel Jung

Kinder, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen, haben es im Kindergarten und in der Schule besonders schwer. Sie sollten eigentlich den Schulstoff lernen, verstehen aber kaum, was von ihnen verlangt wird. Unter Umständen kann sich dieses Problem durch die ganze Schulzeit ziehen. Von den rund 300 Kindern, die jedes Jahr in der Stadt Schaffhausen in den Kindergarten eintreten, verfügt gut ein Drittel nicht über ausreichende Deutschkenntnisse. Hilfreich wäre es für den Bildungserfolg dieser Kinder, wenn sie schon vor dem Beginn der obligatorischen Schulzeit besser Deutsch lernen würden.

Diese Kernpunkte der Vorlage «Prüfung ­eines Konzeptes zur Sprachstanderhebung: Bewilligung einer fünfjährigen Pilotphase» waren gestern im Grossen Stadtrat kaum umstritten – alle Fraktionen stimmten dem Grundsatz zu, schon vor dem Eintritt in den Kindergarten mit der Sprachförderung zu beginnen. Streitpunkt im Ratssaal bildete primär die Frage, wie sich die Stadt hier im Verhältnis zum Kanton verhalten solle. Denn im Schaffhauser Kantonsrat war erst vor gut zwei Wochen ein Postulat überwiesen worden, das ein stärkeres Engagement des Kantons bei der sprachlichen Frühförderung verlangt – und zwar mit einer deutlichen Mehrheit von 51 zu 1 Stimmen.

Deshalb stellte Michael Mundt (SVP) gestern den Antrag, das Pilotprojekt der Stadt vorläufig einzufrieren, um so den Druck auf den Kanton zu erhöhen. «Es ist unbedingt notwendig, die städtische Vorlage zu sistieren», sagte er. Ansonsten werde der Regierungsrat einfach die fünfjährige Pilotphase der Stadt abwarten und die Stadt so allein auf den entsprechenden Kosten sitzen bleiben.

Bildungsreferent Raphaël Rohner vertrat dagegen die Ansicht, dass das Projekt der Stadt trotz des Vorstosses im Kantonsrat durchgeführt werden soll. Er erklärte: «Wir werden beim Kanton intervenieren, falls dort nichts passieren sollte.» Es sei wichtig, dass sich der Kanton in dieser Frage nicht aus der Verantwortung stehle.


«Stadt kann nicht warten»

Christian Ulmer (SP) sagte: «Wo man den Kanton ins Boot holen kann, soll man das auch tun.» Jedoch sehe er als Stadtschulrat, dass der Leidensdruck in den Kindergärten schon heute gross sei, wenn zum Teil nur die Hälfte der Kinder beim Eintritt Deutsch sprechen könnten. «Die Stadt kann jetzt nicht warten, bis sich der Kanton bewegt», sagte er.

So wurden die Anträge von Mundt, das Projekt zu sistieren, in Abstimmungen jeweils mit 22 zu 9 Stimmen abgelehnt. In der Schluss­abstimmung wurde die Vorlage ebenfalls mit 22 zu 9 Stimmen angenommen. Somit hat das Parlament nun einen Kredit von 580 000 Franken für eine fünfjährige Pilotphase bewilligt. Mit diesem Geld werden vier Teile des Projekts finanziert: eine Sprachstand­erhebung bei allen Dreijährigen, um ihren Förderbedarf einzuschätzen; die anschliessende Sprachförderung in Mitenand-Spielgruppen; Elternbildungsveranstaltungen zur Sprachförderung in der Familie und Weiterbildung für das zuständige Fachpersonal.


Kein Zwang in der Pilotphase

Weil bisher noch keine rechtliche Grundlage für ein sogenanntes selektives Obligatorium besteht, wird es während der fünfjährigen Pilotphase keinen Zwang für Eltern geben, ihre Kinder in Sprachförderspielgruppen zu schicken. Über das definitive Modell, das in der Stadt nach der Pilotphase eingeführt werden soll, kann das Parlament und allenfalls das Volk zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. «Wir wollen nun testen, Erfahrungen sammeln und die Ergebnisse evaluieren», sagte Stadtrat Rohner. Die Förderung soll mittelfristig den Aufwand für zusätzliche Deutschkurse im Kindergarten und in der Primarschule reduzieren.

 

Zwischenstand zu zehn Massnahmen zur Frühförderung

Im November 2014 hatte der Grosse Stadtrat insgesamt zehn Massnahmen zur Frühen Förderung verabschiedet. Einen Zwischenbericht zum Stand der Umsetzung dieser zehn Punkte hat das Parlament gestern zur Kenntnis genommen. «Die Kommission ist zufrieden mit dem aktuellen Stand», sagte Res Hauser (JFSH) als Sprecher der Fachkommission Soziales. Iren Eichenberger (Grüne) lobte, dass die Mehrheit der Massnahmen bereits umgesetzt worden sei – als «Glanzstück» etwa das Familienzentrum in der Altstadt. Michael Mundt (SVP) kritisierte, dass im Bericht nur wenige Zahlen enthalten seien. Angela Penkov (AL) wies darauf hin, dass für die Umsetzung der restlichen Punkte bei der Stadt zusätzliche Personal­ressourcen nötig seien. (dj.)