Vor 20 Jahren wurde die grosse Aktionshalle des Kulturzentrums Kammgarn eröffnet. Dieses Ereignis wird nächste Woche gefeiert. Trotz der hohen Akzeptanz der Kammgarn müssen die Verantwortlichen mit bescheidenen Mitteln auskommen.

von Dario Muffler

Das gelbliche Licht der runden, von der Decke hängenden Lampen erzeugt eine warme Atmosphäre in der Kammgarnbeiz. Die langen hölzernen Tischreihen sind für Schaffhausen ein Unikum – hier mischen sich die Gäste: Linksalternative und Banker essen ihren «Förderbörger» hier gleichermassen gerne. Die Beiz sei das Herz des Kulturzentrums Kammgarn. Das sehe man schon an den Wänden der Beiz, wie Katharina Bürgin, Vorstandsmitglied der Vebikus Kunsthalle Schaffhausen, sagt: «Darum sind diese nämlich rot.»

Seit Herbst 2013 sorgt Beat Junker als Beizer der Kammgarn dafür, dass dieses Herzstück pulsiert. Auch er anerkennt die hohe Bedeutung des Restaurants. «Das Herzstück ist sie insofern, als sie ihre eigene Wirtschaftlichkeit hat und einen grossen Anteil an die Mietkosten beiträgt. Er betont aber auch die Symbiose zwischen den Betrieben: «Ohne das Kulturprogramm gäbe es die Beiz nicht – und umgekehrt.»


Qualität durch Vielfalt

Die Kammgarnräume leben von der Kultur – im weiteren Sinne. Sei es die Bierkultur, die in der Kammgarnbeiz mit eigener Bierkarte zelebriert wird, seien es die klassischen Kulturangebote wie Theateraufführungen oder Jazzkonzerte in der Aktionshalle der Kammgarn, wo auch rauschende Partys stattfinden. Zu diesem bunten Strauss zählen aber auch die experimentellen Ausstellungen in der Vebikus Kunsthalle, die genauso Platz haben wie klassische Vernissagen mit Ölgemälden im Stile ­alter Meister. Nicht zu vergessen auch die freakigen Feten und die Auftritte von (noch) unbekannten Bands und DJs im Musikraum TapTab. Diese Vielfalt spricht auch Stadtrat Raphaël Rohner an. «Sie macht die Qualität aus», sagt er. Was als etwas Alternatives begonnen habe, sei heute nicht mehr wegzudenken. «Die Kammgarn ist ein wichtiger Träger des Schaffhauser Kulturplatzes», so der städtische Kulturreferent.

Weil Stadt und Kanton diese Bedeutung des Kulturzentrums Kammgarn sehen, sprechen sie allen Sparten ausser der Beiz jährliche Förderbeiträge, die an Leistungsvereinbarungen gebunden sind (siehe Text nebenan). Diese Gelder reichen aus, dass schwarze Zahlen geschrieben werden. Doch unter welchen Bedingungen? Hausi Naef, Spiritus Rector der Kammgarn, sagt: «Es werden teilweise sehr bescheidene Entschädigungen gezahlt.» Die Mitarbeiter in der Beiz seien beispielsweise alle zum in der Gastronomie üblichen Mindestlohn angestellt.

Egal, ob man mit den Verantwort­lichen des Vereins Kultur im Kammgarn (KiK), des Musikraums TapTab oder des Vebikus spricht: Alle betonen, wie wichtig Herzblut in der Kammgarn und die Arbeit von Freiwilligen ist. Cornelia Wolf, Geschäftsstellenleiterin der Vebikus Kunsthalle, sagt: «Die Mitglieder tragen mit ihrem Engagement den Verein.» Mitglied im Vebikus zu sein, bedeute nicht nur, über Kunst zu sprechen. «Es sind auch administrative Aufgaben oder beispielsweise einfach die Öffnungszeiten der Ausstellung zu gewährleisten», sagt Katharina Bürgin. Das verschärfe den Umstand, dass jeder Künstler grundsätzlich schon genug mit sich selbst zu tun habe. «Für einen anderen Künstler zurückzustehen, braucht Solidarität.» Dank des Engagements und der Solidarität der Vebikus-Mitglieder konnte sich die Kunsthalle in ihrer Geschichte über die Grenzen des Kantons hinaus als gefragter Ausstellungsort etablieren. «Leute aus der ganzen Schweiz wollen hier ausstellen», so Bürgin. Die Räume bieten nämlich eine Plattform für Neues, erklärt sie weiter.

Eine solche Plattform will auch der Musikraum TapTab bieten. «Im TapTab wird man auch einmal überrascht», sagt René Albrecht. Er ist so etwas wie der Kopf des Vereins mit rund 35 Aktivmitgliedern, der hinter dem Lokal steht. Das TapTab stehe für mehr als nur Mainstream-Partysound. «Im Grunde genommen würden wir gerne noch viel mehr Nischenanlässe durchführen», so Albrecht. Aber: das liebe Geld. «Im Vergleich zum Umsatz, den wir erzielen, ist der Förderbeitrag klein», sagt Albrecht. «Wenn wir Partys machen, dann müssen sie zum Stil des TapTab passen.» Ähnlich klingt es auch, wenn man Hausi Naef zuhört, der mitverantwortlich ist für das Booking in der Aktionshalle der Kammgarn. «Wir sind ein Gemischtwaren-Konzertschuppen», sagt er. Die Verantwortlichen würden vieles veranstalten, bei dem sie wüssten, dass es funktioniere und genug Geld einbringe. «Wir können nur wenig Risiko eingehen», so Naef. «Wir machen vieles nicht, weil wir Respekt haben, Verluste zu schreiben.»

Die Kammgarn-Aktionshalle ist im Vergleich zum Musikraum TapTab auch stärker in Strukturen gefangen, die auch Verpflichtungen mit sich bringen. Es gibt ein Büro und mehrere Angestellte, während das TapTab wie die Vebikus Kunsthalle nur dank des Engagements der Vereinsmitglieder funktioniert. Die relativ lose Vereinsstruktur ermögliche es, den breiten Fächer an Stilrichtungen auf die Bühne zu bringen, ist Albrecht überzeugt. «Und so lange wir genug Freiwillige haben, funktioniert das weiterhin so.»


«Unser Ziel bleibt die Qualität»

Dieser Aussage schliesst sich auch der Vebikus an. «Unser erstes Ziel ist, unsere Qualität zu halten», so Bürgin. Stadtrat Raphaël Rohner meint etwa: «Die Kammgarn soll auch künftig die Institution sein, wo man Neues versuchen kann – auch Gewagtes.»

Worin sich zudem alle im Kulturzentrum einig sind, ist, dass es einer Attraktivierung des Kammgarnhofs bedarf. Beizer Junker macht ein Beispiel: «Laufkundschaft haben wir praktisch keine. Es gibt noch immer Schaffhauser, die unsere Beiz nicht kennen.»

 

Struktur: Wie die Kammgarn aufgebaut ist und wer wie viel Geld bekommt

1994 lehnte es die Schaffhauser Stimmbevölkerung ab, die Kammgarn aus­zubauen, um sie für einen erweiterten Kulturbetrieb zu nutzen. Aber der Kampf um das Kulturzentrum ging weiter. Es wurde die Interessen-Gemeinschaft (IG) Kammgarn ­gegründet. Die IG ist eine Genossenschaft mit rund 300 Mitgliedern und ist gut vernetzt und breit abgestützt. Seit dem Sommer 1995 tritt sie als ­Ansprechpartnerin der Stadt Schaffhausen auf. Sie ist verantwortlich für die Verhandlungen der Mietverträge: Denn die ­Liegenschaften auf dem Areal der ehemaligen Kammgarnspinnerei sind Eigentum der Stadt. Die IG mietet die Räumlichkeiten im Untergeschoss, im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss in den Gebäuden sowie die Neubauten im Kammgarn-Hof. Damit ist sie ver­antwortlich für die Investitionen im Inneren des Gebäudes. Insgesamt wurden schon rund drei Millionen Franken ­investiert.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres zahlt die IG eine Jahresmiete von 285 000 Franken für rund 3300 Quadratmeter Fläche. 284 900 Franken davon bekommt die IG über einen Förderbeitrag im Rahmen einer Leistungsvereinbarung wieder zurück. Man spricht vom sogenannten Bruttoprinzip, das hier angewendet wird: Subventionen müssen gemäss Finanzhaushalts­gesetz separat ausgewiesen werden.

Die IG kassiert ihrerseits Mieten von den verschiedenen Kulturinstitutionen im Kammgarn-Kulturzentrum. Dazu gehört etwa die Kammgarn Beiz. Sie ist die einzige Organisation auf dem Areal, die keine Subventionen erhält. Sie zahlt gleichzeitig die höchsten ­Mieten. 2016 waren das 54 000 Franken. Ebenfalls von der IG Kammgarn ver­treten ist die Vebikus-Kunsthalle. Sie ­erhält von Stadt und Kanton Schaffhausen insgesamt 82 000 Franken an För­derbeiträgen. Davon gehen 7200 Franken Mietkosten an die IG. Von der Gruppe KiK (Kultur im Kammgarn) erhält die IG 15 000 Franken im Jahr. Die Gruppe KiK, die für das Programm in der Eventhalle im Kulturzentrum verantwortlich zeichnet, erhält ebenfalls an eine Leistungsvereinbarung gebundene Förderbeiträge: 70 000 Franken von der Stadt und 90 000 Franken vom Kanton. Das TapTab erhält mit insgesamt 30 000 Franken den kleinsten Förder­beitrag und zahlt 7200 Franken Miete.

KiK, Vebikus Kunsthalle und ­TapTab ziehen mit ihrem Angebot, das über 200 Veranstaltungen umfasst, jährlich rund 75 000 Besucher an. Damit wurde 2015 ein Umsatz von 3,2 Millionen Franken generiert. Reto Wettstein, Kassier der IG Kammgarn, ergänzt: «Wenn man zu diesem Umsatz die Sekundär- und die Spill-over-­Effekte hinzunimmt, kommt man auf eine Wertschöpfung von rund 4,5 Millionen Franken im Jahr.» Die Beiz zieht gemäss Angaben der IG jährlich rund 60 000 Besucher an. Da es sich um einen privaten Betrieb (ebenfalls eine Genossenschaft) handelt, sind die ­Umsatzzahlen nicht öffentlich. (dmu)